Diese Woche hat wieder eine dieser ominösen Apple-Veranstaltungen stattgefunden. Es gab eine bunte Mischung von Neuerungen: ein anpassbarer Lockscreen, das Macbook Air mit dem M2-Prozessor, die Möglichkeit, das iPhone als Webcam am Computer zu benutzen (EpocCam lässt grüssen), iOS 16, iPad OS 16, WatchOS 9, sowie Mac OS Ventura.

Bemerkenswert ist, was am Apple Event alles nicht thematisiert worden ist: Das Betriebssystem des Apple TV (TVOS) dümpelt weiter vor sich hin. Und vor allem wurde «der Elefant im Raum noch nicht einmal angesprochen», wie es beim «Stern» heisst: Kein Wort ist zur AR-Brille gefallen. Im Vorfeld war heftig über ein Gerät spekuliert worden, das – vermutlich ähnlich wtaie Microsofts Hololens – die sichtbare Realität mit digitalen Informationen überlagert.

Die mediale Beschäftigung mit Gerüchten und Spekulationen ist nutzlos

Das bringt mich einmal mehr zum Schluss, dass die exzessive Beschäftigung mit den Gerüchten und Spekulationen Zeitverschwendung ist. Wir Journalisten sollten Zurückhaltung üben. Unser Geschäft sind die Fakten, nicht die Mutmassungen – selbst dann nicht, wenn in einer chinesischen Fabrik vielleicht bereits ein Vorserienmodell einer AR-Brille fabriziert worden ist.

Jedenfalls liegt es im Auge des Betrachters, ob man diesen Apple Event interessant oder langweilig fand. Ich bin nicht begeistert, aber auch nicht sonderlich enttäuscht. Ich habe nicht mit der AR-Brille gerechnet – zumindest nicht in der Form, dass ich sogleich vor der Entscheidung gestanden wäre, ob ich mir eine kaufen soll oder nicht. Wenn nun ein kostspieliges und unhandliches Entwicklermodell vorgestellt worden wäre, hätte das meine Neugierde geweckt.

AR-Brillen werden so schnell nicht alltagstauglich sein

Aber mehr auch nicht. Meines Erachtens sind solche AR-Brillen noch Jahre von der Alltagstauglichkeit entfernt. Wir bräuchten erst ausreichend leistungsfähige und winzige Akkus – zumindest, wenn der Anspruch sein soll, dass man mit einer AR-Brille über den Tag kommt, ohne sie einmal pro Stunde eine Stunde aufladen zu müssen. Die Frage der Bedienung scheint mir noch nicht im Ansatz geklärt: Wie scrollt man mit einer Brille durch Menüs oder wählt Optionen aus, ohne dass man am Smartphone oder an der Smartwatch hantiert? Welche Funktionen soll die AR-Brille erfüllen?

Die letzte Frage gehört mit zu den interessantesten, weil sie einerseits ein interessantes Abgrenzungsproblem aufwirft: Apple hat mit gewissem Erfolg die Apple Watch im Markt etabliert. Einige der Funktionen, besonders die Benachrichtigungen, wären prädestiniert, von der Brille übernommen zu werden. Bei aller Begeisterung für Apple-Produkte kann ich mir nicht vorstellen, dass ein vernünftiger Mensch mit Uhr und Brille und Smartphone auf Mann durch die Gegend läuft.

Darum würde die smarte Brille die smarte Uhr überflüssig machen, Denkbar wäre auch, dass sich die Nutzung nach Situation ausdifferenzieren würde: Die Uhr wird zum Sport-Accessoire, die Brille zum Instrument für … ja, wofür? Um bei Sitzungen Teilnehmer virtuell in der Runde zu integrieren? Als Navigationshilfe beim Spazieren durch fremde Städte? Für Games?

Wo wäre der Nutzen einer AR-Brille für die breite Bevölkerung?

Wenn diese Brille nicht bloss eine Nische, beispielsweise für Innenarchitekten, Produkt-Designer, Ingenieure und Service-Techniker erfüllen soll, dann muss sie einen universellen Nutzen für die breite Bevölkerung haben.

Die Hololens von Microsoft erfüllt für spezielle Belange ihren Zweck.

Diesen Nutzen sehe ich nicht; zumindest nicht, solange wir nicht brauchbare digitale Assistenten haben, die so gut über unsere informationellen Bedürfnisse Bescheid wissen, dass sie uns in jeder Lebenslage von sich aus die gerade benötigten Informationen anbieten können. Doch so weit sind wir noch lange nicht – das sieht man daran, dass man am iPhone mühsam die Fokus-Modi setzen muss, weil das Telefon von sich aus nicht weiss, ob wir arbeiten oder faulenzen.

Es gibt ein zweites Problem: Apple ist extrem darauf erpicht, dass ein Produkt die anderen möglichst nicht kannibalisiert. Das zeigt sich exemplarisch beim Verhältnis von Tablet und Laptop, zu dem ich gleich noch kommen werde. Wenn eine AR-Brille eine echte Revolution darstellen soll, dann sollte Apple nicht die Apple Watch, sondern das iPhone damit ersetzen wollen.

Will Apple selbst den iPhone-Killer erfinden?

Denn der lästigste Aspekt beim Smartphone besteht darin, dass man es zur Verwendung zur Hand nehmen muss – ansonsten kann es alles, was es können muss. Wie toll wäre es also, wenn der ganze Smartphone-Zauber immer in Reichweite wäre – und wir obendrein beide Hände frei hätten? Aber wieso sollte Apple ein gut laufendes Milliardengeschäft für eine Brille riskieren, deren Realisierbarkeit derzeit mehr als fraglich ist?

Ich würde nicht ausschliessen, dass es einen Ausweg aus diesem Dilemma gibt und Apple eine Ahnung hat, wie sich eine Brille positionieren liesse, ohne das Bestandsgeschäft zu gefährden. Für wahrscheinlich halte ich es nicht.

Ich glaube eher, dass Apple die Luxus-Karte spielen wird: Wenn die Brille fünfmal so teuer ist wie das iPhone, dann wird es sich rechnen. Zumal sie nicht vom Fleck weg so gut sein wird, dass jeder Brillenbesitzer sogleich auf sein iPhone verzichten könnte. Das wäre lukrativ, aber auch eine elitäre Angelegenheit und damit keine alles verändernde Revolution, so wie seinerzeit das Smartphone.

Ich hätte gern eine smarte Brille; darum wünsche ich insgeheim, dass ich mit meiner Einschätzung falsch liege. Aber realistisch betrachtet, glaube ich nicht, dass in den nächsten fünf Jahren eine solche AR-Brille auf den Markt kommt, die in unserem ganz normalen Alltag eine Rolle spielen wird. In zehn Jahren vielleicht. Wahrscheinlich jedoch nicht.

Die Unterschiede zwischen Mac OS und iPad OS werden immer noch kleiner

Zurück zu meiner Behauptung, Apple tue alles, damit sich Produkte bzw. Produktlinien nicht zusehr in die Quere kommen. Das hat sich an diesem Apple-Event wieder gezeigt: Es gibt sowohl bei iPad OS als auch bei Mac OS Ventura den Stage Manager. Das ist ein Instrument des Multitaskings, bei dem die offenen Fenster am linken Rand sitzen und in die Mitte rutschen, wenn man mit ihnen arbeiten will.

Wie gut oder schlecht das funktioniert, werde ich beurteilen, nachdem ich einige Zeit mit Stage Manager gearbeitet habe. Bemerkenswert ist allerdings, dass es jetzt bei beiden Betriebssystemen die gleiche Methode des Multitaskings gibt und man beim iPad nun zum ersten Mal schwebende und in der Grösse veränderbare Fenster sieht.

Die Fusion ist überfällig

Damit hat Apple die Systeme weiter angeglichen, ohne zu erklären, warum es sinnvoll ist, weiterhin zwei separate Betriebssysteme zu pflegen. Wie fast jedes Jahr stellt sich die Frage, wie lang sich Apple um die Fusion von Mac OS und iPad OS noch herumdrücken will. Zumindest für die iPad-Pro-Modelle ist eine Touch-optimierte Version von Mac OS überfällig.

Beitragsbild: Die würde bei mir nicht so elegant aussehen. Aufsetzen würde ich sie trotzdem (Moose Photos, Pexels-Lizenz).