Da werfe ich die Kohle halt Wikipedia in den Rachen!

All die Jahre wollte ich mich bei jedem Black Friday unüberlegten Kaufimpulsen hingeben. Doch ich bin immer krachend gescheitert. Darum habe ich mir für heuer eine todsichere Strategie und einen bombenfesten Plan B ausgedacht.

Aus dem fernen Amerika kommen oft interessante Dinge zu uns herübergeschwappt – nicht zuletzt viele der technischen Innovationen, über die zu schreiben für mich sowohl Beruf als auch Hobby ist. Die USA exportieren aber nicht nur spannende Novitäten, sondern auch allerlei Unfug. Spontan fallen mir QAnon, Trumpismus, die «Ren & Stimpy»-Serie sowie der Donut- oder Pizza-Burger, Spray Cheese, Corn-Dogs – und überhaupt die meisten Fastfood-Kreationen, die einen schon vom Ansehen einen Cholesterinschock versetzen.

«Pre Black Fiday Deals»? Wollt ihr mich vergackeiern?

Eine dieser Erfindungen, die auch bei uns Fuss fasst, ist der Black Friday. Gemäss Wikipedia markiert er seit 1952 den Start zum Weihnachtsgeschäft. Seit 2007 nehmen auch hierzulande Geschäfte die Gelegenheit wahr, durch Rabatte ihre Lager zu leeren, damit genügend Platz für den ganzen Grümpel vorhanden ist, den die Leute bis zum 24. Dezember kaufen sollen.

Ich gehe nicht so weit, den Black Friday den ganz schlimmen US-Erfindungen zuzuschlagen. Aus gutem Grund: Er ist schliesslich nur Ausdruck und Symptom für den Kapitalismus an sich. Man müsste sich daher fragen, ob man ihn dieser Kategorie zurechnen will. Doch an dieser Stelle ist das irrelevant, weil der Kapitalismus, so leid es mir auch tut, keine Erfindung der greatest nation ist. Die Idee stammt aus Schottland und aus dem Kopf von Adam Smith, der sie 1776 im Buch An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (Der Wohlstand der Nationen) zu Papier gebracht hat.

Ich will ja ein braver Konsument sein!

Also, der Black Friday. Ich habe mir in den letzten Jahren redlich bemüht, die Erwartungen des Gewerbes und der Wirtschaft zu erfüllen. Ich wollte, wie es sich für einen pflichtbewussten Konsumenten gehört, wenigstens ein, zwei nutzlose Produkte zu einem Preis zu erwerben, der einem (zumindest im ersten Augenblick) extrem verlockend erscheint.

Doch ich muss vermelden, dass ich leider jedes Mal blamabel gescheitert bin. Ich habe zwar gelegentlich Produkte entdeckt, denen ich schon etwas hätte abgewinnen können. Doch in jedem einzelnen Fall habe ich ein Haar in der Suppe entdeckt. Ein Laptop, wie ich ihn gerade brauchen könnte – aber bedauerlicherweise nicht mit genügend Speicher oder der richtigen SSD. Ein schönes, neues Objektiv, aber mit Canon- statt mit Nikon-Bajonett. Ein grosser Bildschirm, aber nur mit HDMI-Anschluss und nicht mit USB-C. Also – wieder nichts.

Der fiese Trick hinter der Kommerzfasnacht

Und natürlich hat das System. Es geht dem Handel nicht darum, uns Konsumenten eine Freude zu machen. Es geht genau drum, uns auf Ideen zu bringen, welche Produkte wir gerne hätten. Damit das aufgeht, darf das Angebot aber nicht so breit sein, dass wir Konsumenten es schaffen, unsere wirklich dringenden Bedürfnisse zu befriedigen – nein, dann wäre das Resultat des Black Fridays, dass es aufgrund der Rabatte weniger Umsatz gibt, als dass es ohne diese Kommerzfasnacht der Fall gewesen wäre.

Damit wir Konsumenten mehr Geld ausgeben, müssen wir dazu gebracht werden, Dinge zu kaufen, die wir nicht benötigen – und zu denen wir uns bloss hinreissen lassen. Und das klappt am besten, wenn es die beliebten Produkte immer genau in jener Konfiguration und Ausprägung gibt, in der sie die meisten Leute nicht gebrauchen können. Gleichzeitig muss der Preis so günstig sein, dass die meisten Leute trotzdem nicht widerstehen können.

Mit anderen Worten: Man kann den Black Friday daher auch als Test verstehen, wie anfällig man selbst für gierige «Will ich haben»-Impulse ist.

Dreissig Prozent Rabatt im Minimum

Ich verspreche: Ich werde auch am nächsten Freitag probieren, ein Produkt zu Black-Friday-Konditionen zu erwerben. Das heisst, mit mindestens dreissig Prozent Rabatt und mindestens so nützlich, dass ich es nicht schon am übernächsten Montag zur Entsorgungsstelle tragen muss – aber auch nicht so nützlich, dass ich es zum vollen Preis gekauft hätte.

Wenn eine Spende wenigstens diese inständige Bitte zum Verschwinden bringen würde!

Für den Fall, dass das nicht klappt, habe ich einen Plan B: Ich werde das Geld, das ich erfolgreich nicht ausgegeben habe, an Wikimedia spenden. Der Spätherbst ist nämlich nicht nur Black-Friday-Saison, sondern auch jene Zeit, in der über jedem Eintrag im freien Lexikon ein Appell für finanzielle Zuwendungen erscheint. Und auch wenn ich es bedauere, dass man den auch zu Gesicht bekommt, nachdem man Wikipedia sein Scherflein entrichtet hat, ist das trotzdem eine gute Investition – viel besser, als das Geld für irgend einen nutzlosen Kram rauszuwerfen.

Beitragsbild: Wikipedias Rachen – Symbolbild (Timo Volz, Unsplash-Lizenz).

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