In Norwegen müssen Retuschen an Fotos neuerdings deklariert werden, berichtet Vice.com. Demnach verbietet es ein Gesetz, solche Aufnahmen ohne einen entsprechenden Hinweis zu veröffentlichen.

Das neue Gesetz ist eine Massnahme gegen unrealistische Schönheitsstandards und das Fortschreiten der Dysmorphophobie. Letzteres ist eine Wahrnehmungsstörung, die gemäss Wikipedia dazu führt, dass sich Betroffene als hässlich oder entstellt wahrnehmen.

Grundsätzlich eine gute Idee – denn es wirkt vermutlich tatsächlich entspannend, wenn man als Konsument solcher Bilder erfährt, dass der Wirklichkeit ein bisschen nachgeholfen wurde.

Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob sich die beabsichtigte Wirkung einstellen wird.

Gilt das Gesetz für die richtigen?

Erstens ist mir aufgrund des Artikels in «Vice» nicht so ganz klar geworden, wer alles von dem Gesetz betroffen ist. Es zielt auf die Werbung ab, wo mir die Deklaration völlig einleuchtet. Schwieriger wird es schon bei den Influencern, weil das ein relativ vager Begriff ist. Im Artikel heisst es, sie müssten «eine Bezahlung oder eine Zahlung oder einen anderen Vorteil» für ihr Posting erhalten – was natürlich voraussetzt, dass die Influencer gewillt sind, dieses Auftragsverhältnis transparent zu machen.

Es ist einerseits einleuchtend, Medien und normale Blogger von dem Gesetz auszunehmen – andererseits auch nicht. Denn auch wenn die meisten Medien und Blogger keine übertrieben retuschierte Fotos veröffentlichen, dann tun es manche schon. Man sehe sich die Lifestyle-Promi-Glamour-Postillen an, die es sicherlich auch in Norwegen gibt. Ich wette, dass bei denen gephotoshoppt wird, was das Zeug hält.

Zweitens sehe ich eine Reihe von möglichen Problemen bei der Umsetzung dieses Gesetzes. Wie detailliert hat eine Deklaration zu erfolgen und wann sie nötig? Der Begriff «Retusche» schliesst einfache Bearbeitungen wie Farbkorrekturen schon einmal aus. Aber ist eine Deklaration auch nötig, wenn beispielsweise eine Türfalle im Hintergrund entfernt worden ist, die abgebildete Person aber nicht verändert wurde?

Deklarierungspflichtige Veränderungen

Dazu heisst es im Artikel Folgendes:

Anzeigen, bei denen die Form, Größe oder Haut eines Körpers retuschiert wurde – auch durch einen Filter, bevor ein Foto aufgenommen wird – mit einem standardisierten Label versehen werden, das vom norwegischen Ministerium für Kinder und Familienangelegenheiten entworfen wurde.

Beispiele für kennzeichnungspflichtige Manipulationen seien vergrösserte Lippen, verengte Taillen und aufgepumpte Muskeln.

Nun arbeitet natürlich auch die Werbung oft mit Bildern aus Datenbanken, bei denen man schlicht nicht weiss, ob sie bearbeitet worden sind oder nicht. Das gilt für die Bilder der grossen Bildagenturen genauso wie für die alternativen Quellen, die ich in meinen Blogs gerne nutze (siehe Bilder zum freien Gebrauch).

Ferner kann ein geschickter Fotograf sein Sujet auch ohne Bearbeitung verschönern, in dem er es geschickt beleuchtet und so drapiert, dass nur dessen Schokoladenseite zu sehen ist.

Und in letzter Konsequenz könnten körperliche Makel auch nicht im Bild, sondern an der Quelle beseitigt werden. Dieser Umstand wird im Artikel von «Vice» angesprochen:

Das Ministerium (…) merkte auch an, dass eine unbeabsichtigte Folge des Gesetzes sein könnte, dass Influencer mehr Druck verspüren, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen, «um Schönheitsidealen gerecht zu werden».

Gemäss einem Beitrag der norwegischen News-Website vg.no (den ich gerne gelesen hätte, aber aufgrund der Paywall nur aus der Zusammenfassung von «Vice» kenne), haben die Influencer das Gesetz positiv aufgenommen – oder das zumindest behauptet –, und einer hat sogar gesagt, das Gesetz müsste auf alle bearbeiteten Fotos angewandt werden.

Die Wirkung könnte verpuffen

Was ebenfalls nachvollziehbar, aber völlig unpraktikabel wäre. Ich könnte mir vorstellen, dass eher das Gegenteil eintritt: Nämlich, dass alle Fotos in der Werbung präventiv als bearbeitet gekennzeichnet werden. Doch ein Label, das omnipräsent ist, verpufft in seiner Wirkung womöglich.

Mir scheint es daher sinnvoller, statt auf ein solches Label auf Aufklärung zu setzen: Man sollte Kindern und Jugendlichen erklären, wie Bildbearbeitung funktioniert, Medienkompetenz und ein gewisses Misstrauen aufbauen. Und sie sollten selbst zumindest ein paar Erfahrungen mit dem Verflüssigen-Werkzeug aus Photoshop sammeln.

Ja, warum nicht in der Schule durchexerzieren, mit welchen Tricks die Beauty-Fotografie arbeitet und wie sie sich selbst ins beste Licht rücken? Das würde der falschen Vorstellung vorbeugen, dass Fotos «die Wirklichkeit» zeigen – und sicherlich würde es auch der Eigenwahrnehmung helfen zu sehen, wie schön man selbst auf einem nach allen Regeln der Kunst inszenierten Bild ist.

Beitragsbild: Retuschiert oder nicht? Man weiss es nicht (Pooja Chaudhary, Unsplash-Lizenz).