«iPhones und iPads sind für Babys»

Was bisher geschah: Wichtige Ereignisse und Erkenntnisse vom grossen Prozess Apple gegen Epic – und wie die es Apple schwerer machen werden, die rigide Kontrolle künftig aufrechtzuerhalten.

Ich hatte vor, an dieser Stelle eine Übersicht zu liefern, was beim Verfahren Apple gegen Epic passiert. Zur Erinnerung: Der Game-Hersteller hat sich gegen den iPhone-Fabrikanten aufgelehnt, weil letzterer den App-Store mit eiserner Hand kontrolliert und damit die Absicht von Epic, eine Art Store im Store zu etablieren, durchkreuzt hat. Im Beitrag Wenn Kampf-Game-Hersteller Angriffslust entwickeln habe ich das schon einmal auseinandergedröselt.

Eine gewisse Herausforderung – denn Gerichtsverfahren haben die Eigenschaft, eine komplexe Materie zu sein. Das gilt auch für diesen Prozess, der seit dem 3. Mai vor dem District Court for the Northern District of California geführt wird. Diese Auseinandersetzung lebt von vielen saftigen Details, die inzwischen an die Öffentlichkeit gelangt sind. Ich kann an dieser Stelle daher leider keine umfassende und «runde» Darstellung liefern, sondern muss mich auf einige punktuelle Beobachtungen beschränken.

Wie die Game-Branche tickt

Für den Einstieg und eine erste Übersicht ist der Wikipedia-Beitrag hilfreich, der den bisherigen Verlauf des Prozesses wie folgt zusammenfasst:

Während des Prozesses wurden eine Reihe von Dokumenten, die Teil der von Epic und Apple gesammelten Beweise waren, öffentlich gemacht, von denen einige vertrauliche Informationen in Bezug auf Dritte enthielten. Einige dieser Dokumente sollten versiegelt werden, wurden aber stattdessen in öffentliche Online-Gerichtsakten verlegt und enthüllten einige der vergangenen inneren Abläufe der Videospielindustrie, zusätzlich zu Details über Epics Finanzen in Bezug auf den Epic Game Store.

Man erfährt, dass Epic 2018 mit Sony anbandeln und auch Microsoft dazu bringen wollte, Free-to-Play-Spiele auf ihren Konsolen zuzulassen.

Zweitens «The Verge»: Die Tech-Website unterhält hier ein Dossier, das unter dem Titel Der Kampf um die Zukunft des App Stores geführt wird. In dem gibt es inzwischen 84 Beiträge, die viele Aspekte des Verfahrens thematisieren.

Der letzte Beitrag, Apple wants users to trust iOS, but it doesn’t trust iOS users, zeigt nachvollziehbar das Dilemma auf, in das Apple durch das Verfahren gestürzt wird. Denn um zu beweisen, dass iOS so abgeschottet sein muss, wie es derzeit ist, kommt Apple nicht darum herum, das offenere System schlecht zu machen. Apple-Manager Craig Federighi meint, die Menge Schadsoftware, die man beim Mac vorfindet, «sei nicht akzeptabel».

Die unterschiedlichen Sicherheitsniveaus

Damit diese Argumentationslinie aufgeht, muss Federighi die Unterschiede zwischen Mac OS und iOS schlüssig erklären: Warum lässt Apple die unterschiedlichen Sicherheitsniveaus überhaupt zu? «The Verge» liefert eine relativ saloppe Zusammenfassung:

Federighi sagt, dass iOS-Benutzer mehr geschützt werden müssen, weil der Mac ein Spezialwerkzeug für Leute ist, die wissen, wie man durch die Komplexität eines leistungsfähigen Systems navigiert, während das iPhone und das iPad – buchstäblich – für Babys sind.

Das werden die iPad-Fans wie mein lieber Kollege Rafael Zeier sicher gern hören!

Einige der Sottisen aus den Anfängen des Verfahrens hat der «Stern» im Beitrag Apple verliert die Kontrolle über sein perfektes Image rapportiert: Da liest man das amüsante Detail, dass Steve Jobs selig in einem Mail Facebook als Fäkalienbook (Fecebook) bezeichnet hat. Es ist nachzulesen, dass Tim Cook nicht mehr wusste, wer Tim Sweeney war, obwohl der Chef von Epic Wochen zuvor bei der Keynote an der Entwicklerkonferenz WWDC einen Auftritt hatte.

Die Herkulesarbeit, Apps und Updates zu beurteilen

Schliesslich liefern auch die Podcaster von Bits & So in ihren Sendungen aktuell eine schlüssige Zusammenfassung, die ich sehr empfehlen kann, wenn man sich nicht selbst durch all die Artikel kämpfen möchte. Zum Beispiel die Folge Under the Bus, wo es einige Einsichten über den Bewertungsprozess gibt, den Apple-Mitarbeiter bei den neu eingereichten Apps und Updates vornimmt. Diese Reviews sind ein monumentales Unterfangen, wie auch imore.com hier erläutert:

2017 wurden 5,177 Millionen Apps eingereicht und 33 Prozent zurückgewiesen.2018 waren es 4,79 Millionen mit einer Ablehnungsquote von 35% Prozent. Und 2019 beliefen sich die Einreichungen auf 4,8 Millionen, durchgefallen sind 36 Prozent.

Im Verfahren musste auch Marketingchef Trystan Kosmynka Auskunft geben, worauf ein interessantes Detail über die Terminologie bekannt geworden ist. Das Kürzel UTB steht für «under the bus», was ich in Deutsch mit «den Löwen zum Frass vorwerfen» übersetzen würde.

Das Einreichen einer Beschwerde über einen Verstoss gegen die Store-Richtlinien wurde somit als «Jemanden den Löwen zum Frass vorwerfen» tituliert. Apps wurden durch Konkurrenten oder aber durch Medienartikel vor den Bus geschubst, wenn sie auf solche Verstösse hinwiesen.

Den Löwen zum Frass

Inzwischen ist offenbar eine etwas sachlichere Bezeichnung in Gebrauch:

Kosmynka sagt, dass Apple diesen Begriff später in ARC, App Review Compliance, irgendwann vor 2016 geändert hat.

Fazit: Schon jetzt ist unbestreitbar, dass der Prozess die Sicht auf Apples Store und das Geschäft mit den Apps verändert hat. Zum Beispiel die Sache mit dem Zuckerbrot und der Peitsche gegenüber von Netflix, bei der Netflix wegen Marketingmassnahmen bestraft, hinterher aber zur Besänftigung und Beibehaltung der Abofunktion in der Netflix App mit Werbung im Store besänftigt werden sollte.

Diese Berichte haben bestätigt, was wir schon immer vermuteten: Dass eben nicht alle App-Entwickler gleich sind, sondern dass die Grossen wie Netflix eine Sonderbehandlung geniessen. Allein diese Erkenntnis wird es schwieriger machen, die rigide Kontrolle wie bisher aufrechtzuerhalten.

Beitragsbild: Im Gegensatz zu den Mac-Anwendern (Jelleke Vanooteghem, Unsplash-Lizenz).

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