Die grosse Vaxxie-Kontroverse

Ist man ein privilegierter, ignoranter Unsympath, wenn man ein Foto postet, wie man die Spritze gegen Covid-19 erhält?

Kafi Freitag hat in ihrem schönen Podcast (Hansdampfinnen in der Podcastgasse) in der Folge Impfen gegen den Rest der Welt eine Tirade gegen mich höchstpersönlich vom Stapel gelassen. Kafi fand, ich sei ein «gruusiger Ignorant», und es sind noch ein paar andere Vokabeln gefallen, an die ich mich nicht mehr erinnere. Aber es war nicht schön.

Die Attacke, die übrigens nicht an mich direkt, sondern an meinesgleichen gerichtet war, hatte sich an dem entzündet, was man gemeinhin als «Vaxxie» bezeichnet: Fotos, auf denen man zeigt, wie man gerade geimpft wird.

Ich hatte letzten Freitag ein solches Foto gepostet, das mich zwar nicht mit nacktem Oberarm, aber immerhin vor der Tafel des Impfzentums zeigt.  Mit der Botschaft, dass ich meinen ersten Piks erhalten habe.

Grauslig und elitär

Solche Postings seien «gruusig», weil man sich als elitär darstelle: als jemand, der nun schon an die Reihe gekommen ist, während viele andere noch warten müssen. Das Stichwort ist natürlich Impfneid, den man nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern aktiv befördert.

Ich war baff: ich war noch nicht einmal auf diese Idee gekommen. Es gibt zwar auch in meinem Umfeld Leute, die noch auf ihren Termin warten. Aber ich ich habe mich nicht vorgedrängelt oder irgendwelche Privilegien eingestrichen, sondern bin brav an die Reihe gekommen. Ob das Verfahren gerecht ist, kann und darf man diskutieren (siehe Ende des Beitrags). Aber es ist eine andere Frage.

Oder eine Solidaritätsbekundung?

Ich hatte das Bild als Solidaritätsbekundung verstanden: als Unterstützung für alle Leute, die vielleicht gezweifelt haben, sich aber trotzdem dazu durchgerungen haben. Der Gegenwind ist bekanntlich beachtlich: Ich hatte auf Facebook Hasstiraden zu hören bekommen vor allem von einer Frau, die nicht damit leben kann, dass andere sich, anders als sie, sich impfen lassen wollen.

Die Erkenntnis ist, wie unterschiedlich ein solcher Post aufgefasst werden kann. Ich will jetzt gar nicht das Fass aufmachen, wie weit das Influencertum ohne Neid und elitäre Selbstdarstellung überhaupt denkbar wäre. Aber wenn man akzeptiert, dass die Kräfteverhältnisse ungleich sind, sobald ein einzelner Followee viele Follower hat, dann muss man anerkennen, dass sich zumindest die Frage der Vorbildfunktion stellt. Und warum man die genau bei der eklatant wichtigen Frage des Impfens ausklammern sollte, erschliesst sich mir nicht.

Mein Fazit jedenfalls: Man sollte vorsichtig sein, was man anderen für Motive unterstellt. Umgekehrt ist es nicht verkehrt, als Vaxxie-Poster seine Gemütslage klarzumachen und verständlich zu machen, dass man sein Bild nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe postet.

Beitragsbild: Nur ja nicht sozialmedial posten (Gustavo Fring, Pexels-Lizenz).

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