Das sozialmediale Ereignis der Woche ist hierzulande #NoLiestal. Unter dem Hashtag versammeln sich seit gestern jene Leute, die mit der Demonstration vom 20. März in Liestal nicht einverstanden sind. Bei der sind letzten Samstag in der Stadt im Kanton Basel-Land 8000 Protestierende zusammengekommen, die einen sogenannten stillen Protest abgehalten haben.

Wie man im Bericht der «Basler Zeitung» lesen kann, war der aber gar nicht so still: Es wurde gegen die Diktatur gebrüllt, in der wir vermeintlich leben. Mitglieder der neuen «Mass-voll!»-Bewegung konnte man, wie es im Artikel heisst, «biertrinkend und Fahnen schwingend» an der Demo mitlaufen sehen. Und gemäss den Medienberichten hat kaum jemand eine Maske getragen, sodass die «Basler Zeitung» ein klares Fazit zu dieser Veranstaltung zieht:

Für Menschen, die sich seit einem Jahr an diese Massnahmen halten, war der Grossaufmarsch in Liestal an diesem Samstag ein Hohn.

Trotzdem wurde die Veranstaltung auch in meinem sozialmedialen Umfeld als Erfolg gefeiert.

Bravo?

Ein Freund rief «Bravo!» auf Facebook, griff bei der Zahl der Demonstranten aber etwas gar hoch.

Widerspruch tut not

Da eine solche Demonstration das reale Äquivalent einer Social-Media-Bubble darstellt, mussten die Teilnehmer und Sympathisanten den Eindruck bekommen, sie seien mit ihrer Meinung allein auf weiter Flur oder sogar unwidersprochen. Um diesem Eindruck entgegenzutreten, hat Satiriker Nils Althaus auf Twitter die Aktion #NoLiestal gestartet, die mit mehr als 31’000 Tweets die Demo inzwischen in den Schatten gestellt hat.

Was auch das explizite Ziel ist, weil, wie es im Tweet heisst, die «Vernünftigen mehr sind». Das ist sicher eine Anleihe an die Aktion #wirsindmehr, die im Herbst 2018 nicht nur virtuell, sondern auch real stattgefunden hat, um gegen rechte und rechtsextreme Gewalt gegen Ausländer und Migrantinnen zu protestieren, die in Chemnitz stattgefunden hatte.

Diese Aktion hat meine volle Sympathie. Ich halte es für wichtig, dass die Mehrheit in Fällen wie diesen ihr Schweigen bricht. Es ist kein Demonstrationserfolg, sondern lediglich eine verzerrte Wahrnehmung, wenn sich eine kleine Minderheit im Recht wähnt, nur weil sie besonders lautstark auftritt.

Zwei Dinge sind wichtig: Erstes muss man diesen Leuten, die sich um Schutzregeln foutieren, ihre egoistische Handlungsweise vorwerfen. Zweitens darf kein Zweifel bleiben, dass diese Demo kontraproduktiv war: Es ging nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung darüber, welche Schutzmassnahmen sinnvoll sind und welche nicht, und schon gar nicht ging es um die Anliegen der Jugend. Über die müssten wir in der Tat viel mehr diskutieren, und es ist auch berechtigt, wenn die Jugendlichen darüber nachdenken, wie sie für die Opfer entschädigt werden, die auch sie in der Pandemie bringen.

Ein alles andere als massvoller Verein

Leider ist der Verein «Mass-voll» die denkbar schlechteste Organisation, um diese Dinge ins Gespräch zu bringen. Wie «20 Minuten» im Beitrag Free Hugs und Verschwörungstheorien aufzeigt, handelt es sich nicht um eine breit abgestützte Bewegung, als die sie sich selbst darstellt, sondern um einen Versuch von Rechtsaussen, die Jugend für sich zu gewinnen:

Ein Blick auf das 15-köpfige Kernteam zeigt, dass auch Joyce Küng und Olivier Chanson dazugehören, die auf ihren persönlichen Social-Media-Kanälen rechtsextremistisches Gedankengut und Verschwörungstheorien verbreiten.

In diesem Kontext sind solche «Wir sind mehr»-Aktionen ein wichtiges Korrektiv. Denn wie schon im Beitrag Facebook bekämpft die Hassrede – und wiegelt gleichzeitig ab ausgeführt, sind es in den sozialen Medien oft kleine Minderheiten, die es dank der Algorithmen schaffen, ihre minoritären Botschaften vielfach zu multiplizieren und den Diskurs zu dominieren.

Damit sind wir beim Dilemma, das bei den «Wir sind mehr»-Aktionen bleibt: Auch wenn die Vernünftigen die Mehrheitsverhältnisse eindrücklich kundtun, so verleiht die Gegendemonstration dem ursprünglichen Anliegen zusätzliches Gewicht und hält es in der Diskussion. Das raubt Zeit und Kräfte, die für konstruktive Lösungen fehlen.

Worüber ich eigentlich hätte bloggen wollen

Ein konkretes Beispiel: Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über das Thema schreiben, das Jürg Halter letzte Woche auf Twitter aufgebracht hat. Es geht um einen Artikel der Republik, um den Artikel «Für die Armen bleibt nichts übrig» der «Republik» und darum, dass Bill Gates zwar nicht die Figur ist, als die ihn die Verschwörungstheoretiker sehen, aber trotzdem nicht als Wohltäter bezeichnet werden kann.

Ich glaube, dass Bill Gates eine Position besetzt, die das staatliche Gesundheitswesen ausfüllen müsste. Er hat gelernt, mit Softwarelizenzen Geld zu scheffeln, und dieses Prinzip lässt sich nun auch auf die Pharmabranche übertragen.

Ja, wir sollten nicht über diese Demo in Liestal diskutieren müssen, sondern darüber. Ich gehöre nämlich auch zu denen, die dezidiert der Ansicht sind, dass das Open-Source-Prinzip für Impfstoffe ein Segen wäre und dafür sorgen könnte, dass viel mehr Menschen viel schneller geschützt werden könnten. Ich habe diese Forderung von der SP Schweiz und von Mattea Meyer gehört und sie wurde auf Twitter vertreten.

Darüber hinaus gab es null Resonanz. Nun, manche werden sagen, dass das vor allem daran liegt, dass eine solche Forderung im Pharmaland Schweiz überhaupt nicht gut ankommt. Das mag sein. Aber ich bleibe dabei, dass wir mehr Luft für solche Themen hätten, wenn uns die Covidioten nicht ständig in Beschlag nehmen würden.

Beitrag: Hier ist ein Stopp! angebracht (Engin Akyurt, Unsplash-Lizenz).