Ein Prost auf Twitter! Jetzt werden wir alle reich

Die Super Follows von Twitter sind die Endstufe des sozialmedialen Feuerwerks und das Puzzleteilchen, das noch gefehlt hat: Der freie Wettbewerb der Ideen ist eröffnet – und all die Moralisten können einpacken.

Jetzt ist es passiert! Unsere Gebete wurden erhört! Bald wird unsereins das Hobby zum Beruf machen können. Auf dem Sofa sitzend im Halbschlaf ein paar unausgegorene Tweets absondern, und damit den Lebensunterhalt verdienen: Das ist unsere Zukunft!

Und wem haben wir das zu verdanken? Den blitzgescheiten Menschen bei Twitter, die es endlich geschafft haben, die sozialen Medien zu Ende zu denken.

Und so einfach funktioniert dieser Geniestreich: Twitter kündigt die «Super Follows» an, mit denen man die Leute für Tweets zur Kasse bitten kann, hiess es gestern bei «The Verge». Das funktioniert wie folgt:

Die Bezahlfunktion, Super Follows genannt, wird es Twitter-Nutzern ermöglichen, Followern gegen Bezahlung Zugang zu Extra-Inhalten zu gewähren: Das könnten Bonus-Tweets sein, Teilnahme an einer Community, Newsletter-Abos oder Fan-Abzeichen.

Es gibt die Funktion offenbar noch nicht, aber in einem Entwurf sieht man, dass einer der Superstars des Kurznachrichtendienstes von seinen Anhängern 4,99 Dollar pro Monat bekommt, damit diese ihrerseits in Genuss einer Vorzugsbehandlung kommen.

Rechnen wir das doch einmal durch

Rechnen wir das doch einmal durch: Damit ich mich dem freudlosen Dasein eines Lohnschreibers entziehen kann, brauche ich über den Daumen gepeilt 8000 Franken im Monat. Besser wären natürlich 10’000 Franken, denn schliesslich hat man in der neuen Rolle auch repräsentative Pflichten. Aber bleiben wir erst einmal bescheiden.

Also, um auf diese Summe zu kommen, benötige ich 1604 zahlungswillige Follower – zumindest, falls die ganzen Aboeinnahmen an mich gehen, womit nach menschlichem Ermessen nicht zu rechnen sein wird.

Im Gegenteil steht anzunehmen, dass Twitter einen Anteil abzweigen wird. Auch «The Verge» spekuliert über eine Provision, ohne zu wissen, wie hoch sie sein wird. Die Hälfte wäre unanständig, aber ein Drittel müsste es schon sein – so genial wie diese neue Funktion ist – deren Funktion offensichtlich nicht nur darin besteht, uns Twitter-Nutzer reich und glücklich zu machen, sondern auch den Zweck hat, den warmen Geldregen über Jack Dorsey und seine viele Angestellten hereinbrechen zu lassen. (4900 Leute – was machen die alle da?)

Ein gutes Einkommen ist ein Klacks

Jedenfalls wären Leute wie ich mit 2000 bis 2500 zahlenden Anhängern für den Anfang ausgezeichnet bedient. Das ist nicht nur realistisch, sondern geradezu ein Klacks – bei dem grossartigen Content, den es bei mir zu lesen gibt. Mit anderen Worten:

Doch nicht nur für mich sind die Zukunftsaussichten rosig, nachdem Twitter endlich erkannt hat, wie unsinnig dieser egalitäre Ansatz des Internets im Allgemeinen und bei den sozialen Medien im Speziellen ist.

Es ist völlig unbegreiflich, dass sich dieser Gedanke halten konnte, der konträr zu den Werten steht, die die Menschheit sonst pflegt: Denn Leute, wir haben Marktwirtschaft! Der Markt entscheidet, welche Produkte und Dienstleistungen sich durchsetzen – und was sind Ideen anderes als Produkte des Geistes? Darum ist es nichts als folgerichtig, dass auch der Marktplatz der Ideen nach monetären Kriterien funktioniert.

Natürlich gibt es auch Leute, die die Genialität dieser Idee nicht erkennen. Ich höre schon deren scheinheiliges Gejammer: Nun werden die Demagogen und Verschwörungstheoretiker, die Populisten und Hassprediger, die Fakenews-Verbreiter und Dauerschwurbler nicht nur Reichweite auf Kosten der seriösen Informationsvermittler bekommen, sondern für ihren toxischen Auswurf auch noch Geld einstreichen – so werden sie klagen und lamentieren.

Moral ist eine unbrauchbare Währung

Dabei liegt die Lehre doch auf der Hand: Moral ist eine unbrauchbare gesellschaftliche Währung – und Twitter ist dabei, dieser hinderlichen und schädlichen Ansicht nun ein für alle Mal den Todesstoss zu versetzen. Denn wie kann eine Idee, eine Aussage, ein Tweet und ein Social-Media-Account schlecht oder schädlich sein, wenn er Geld abwirft? Wenn Leute bereit sind dafür zu bezahlen, dann ist das Bedürfnis bewiesen: Es braucht keine weitere Debatte und keine Kritik – zumal solche Kritik auch kein Geld einbringt.

Und das Schöne an der Sache ist, dass es Twitter mit den Mitteln des Marktes tut. Die einzige Währung ist die Währung, für die man sich auch etwas kaufen kann; auch in der politischen Debatte und im gesellschaftlichen Diskurs.

Selbstverständlich wird Twitter sich auch hüten, einen Account zu blockieren, der gutes Geld einspielt. Darum sind diese neuen Super Follows nicht nur eine hervorragende Einnahmequelle und Finanzierungsmöglichkeit für Bewegungen aller Art, sondern auch eine Versicherung gegen das Gesperrtwerden – quasi eine Brandmauer für die Meinungsfreiheit.

Es bleibt bloss eine Frage: Warum hat Twitter diese geniale Funktion erst eingeführt, nachdem Donald Trump von der Plattform geflogen ist? Vorher hätte der Mann nicht nur seine Kampagne finanziell aufmunitionieren, sondern auch den kapitalistisch verbürgten Beweis erbringen können, dass Millionen von Leuten bereit sind, ihm seine Wahrheiten abzukaufen.

Also, geht her und bezahlt die Leute, die die Dinge sagen, die ihr hören wollt – die kein Blatt vor den Mund nehmen, auf die political correctness pfeifen und das Feuer entfacht, das ihr brennen sehen wollt. Und lobt Twitter für den Weitblick, die Endstufe im Social-Media-Feuerwerk zu zünden…

Epilog

Falls das nicht klar geworden ist: Ich meine das ironisch. Nach allem, was ich in den letzten Jahren über soziale Medien gelernt habe, ist das eine Neuerung, die mir eine Heidenangst einjagt. Mir scheint, das ist genau das Puzzlesteinchen, das noch gefehlt hat. Es liefert den Leuten, die bisher das gesellschaftliche Klima nur zu ihrem Privatvergnügen vergiftet haben, ein Geschäftsmodell. Das macht es nicht nur aus ideologischen Gründen attraktiv, Müll in die sozialmedialen Kanäle zu spülen, sondern es rentiert sich auch.

What could possibly go wrong?

Beitragsbild: Ein Prost auf Twitter (Austin Distel, Unsplash-Lizenz)!

Kommentar verfassen