Facebook bekämpft die Hassrede – und wiegelt gleichzeitig ab

Eine kritische Würdigung des Berichts über die Durchsetzung von Gemeinschaftsstandards beim sozialen Netzwerk: Ein bisschen Transparenz ist besser als gar keine – aber da ginge noch mehr.

Der Facebook – er gibt Auskunft darüber, wie die Richtlinien bei Facebook und Instagram durchgesetzt worden sind. Er hat damit eine gewisse Verwandtschaft mit dem Transparenzbericht von Google, den ich hier analysiert habe.

Gestern ist die Ausgabe dieses Berichts für die Monate Juli bis September 2020 erschienen, wie Facebook in einer Medienmitteilung vermeldet. Zum ersten Mal sei die Verbreitung von Hassreden auf Facebook weltweit untersucht worden.

Im dritten Quartal 2020 betrug die Prävalenz von Hassreden 0,1 bis 0,11 Prozent.

Bemerkenswert finde ich, dass Facebook von Prävalenz spricht. Das ist eine Kennzahl dafür, wie häufig eine Krankheit auftritt. Gut, vielleicht nimmt Facebook auch auf die veraltete Bedeutung des Begriffs Bezug, die der Duden mit «Vorherrschen» angibt.

Meine Vermutung ist allerdings, dass Facebook Hassreden aber tatsächlich als eine Art Krankheit ansieht. Eine Krankheit kann und muss man bekämpfen – doch für ihr Auftreten kann niemand etwas. Das kann man zumindest so interpretieren, dass sich Facebook gerne aus der Verantwortung stehlen möchte. Denn genauso, wie niemand Schuld ist an Krankheiten, so möchte das soziale Netzwerk nicht, dass man ihm wegen solcher bösartiger Posts Vorhaltungen macht.

Das trifft meines Erachtens nicht zu. Der Facebook-Algorithmus befördert Beiträge mit vielen Kommentaren, was häufig solche sind, von denen sich Leute provoziert fühlen. Soziale Medien heizen Konflikte an und tragen zur Eskalation bei – wie auch das Netflix Dokudrama Das Dilemma mit den sozialen Medien vor Augen führt. Es ist daher nicht angebracht, das Problem abzuwiegeln.

Das tut Facebook meines Erachtens auch mit dem Hinweis, dass die niedrigen Prozentzahlen bedeuten, dass man auf 10’000 Posts nur zehn bis elf Beiträge mit Hassrede finden würde. Das mag nach wenig klingen. Doch wenn man sich die Definition anschaut, dann wird klar, dass das direkte, verbale Angriffe auf Personen sind, die als überaus bedrohlich und herabwürdigend empfunden werden müssen:

Wir definieren Hassrede als direkten Angriff auf Personen aufgrund geschützter Eigenschaften: ethnische Zugehörigkeit, nationale Herkunft, religiöse Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Kaste, Geschlecht, Geschlechtsidentität, ernsthafte Erkrankung oder schwere Behinderung.

Und:

Wir definieren Angriff als gewalttätige oder menschenverachtende Sprache, schädliche Stereotypisierung, Aussagen über Minderwertigkeit oder Aufrufe, Personen auszugrenzen oder zu isolieren.

Interessant wäre, wie viele Beiträge ein einzelner Nutzer pro Tag ungefähr zu Gesicht bekommt. Wenn es, konservativ geschätzt, nur zwanzig sind, so bekommt trotzdem jeder Nutzer alle anderthalb Monate einen solchen Beitrag zu Gesicht – selbst wenn er nicht ihn persönlich betrifft. Ich halte das für viel zu viel.

Darum würde ich es bevorzugen, wenn Facebook nicht die «Prävalenz» angeben würde. Eine bessere Angabe wäre, wie gross der Anteil der Nutzer war, die innerhalb des Quartals einem solchen Post ausgesetzt waren.

In absoluten Zahlen jedenfalls ist das eine ganze Menge, nämlich 22,1 Millionen einzelner Beiträge mit Hassrede. Bemerkenswert scheint mir ausserdem, dass Facebook zur Bekämpfung stark auf künstliche Intelligenz setzt. Man habe damit 95 Prozent der entsprechenden Beiräge löschen können, bevor sie gemeldet worden seien. Nicht ganz klar ist mir, ob sie gleich beim Posten entfernt werden, sodass niemand Gefahr läuft, sie zu lesen – oder ob die KI mit einer gewissen Verzögerung operiert.

Fazit: Bei aller Kritik begrüsse ich es, dass Facebook sich mit dem Bericht – der übrigens hier zu finden ist – sich wenigstens ein bisschen in die Karten schauen lässt. Besser fände ich es, wenn das soziale Netzwerk eine solche Beurteilung durch unabhängige Wissenschaftler zulassen würde.

Eine ähnliche Forderung hat vor Kurzem auch Medienforscherin Ulrike Klinger im Tagesgespräch von Schweizer Radio SRF aufgestellt. Die Professorin für digitale Demokratie an der Europa-Universität in Frankfurt sagt klar, dass die sozialen Medien ihre Macht unterschätzen.

Beitragsbild: Hat der gerade eine Hassbotschaft gepostet (Peter Forster, Unsplash-Lizenz)?

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