Warum Apple mich am letzten Dienstag enttäuscht hat

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Apple-Event vom letzten Dienstag: Zu viele Fragen bleiben offen – und es fehlt auch an der humanistischen Vision.

2020 ist das Jahr, in dem Corona wütete, Trump abgewählt wurde und Apple (gefühlt) alle zwei Tage einen Event abgehalten hat.

Letzten Dienstag hat der letzte dieser Events stattgefunden; und zwar derjenige, der mich am meisten interessiert hat. Und bei dem die Enttäuschung am grössten war.

Natürlich verstehe ich, dass aus Apple-Sicht die Abkehr von Intel ein grosser Schritt und ein Meilenstein in der Firmengeschichte ist. Das rechtfertigt es zu einem gewissen Grad, zu schwelgen und zu schwärmen: Wie schnell die neuen Maschinen und der M1-Chip sind, wie lange die Batterie hält und wie angenehm leise (bzw. unhörbar) das lüfterlose neue Macbook Air ist.

Aber ich erlaube mir eine Beurteilung aus der Sicht eines «normalen» Nutzers. Und aus der Sicht sind mir zu viele Fragen offen geblieben. Zum Beispiel:

Das Design. Äusserlich verändern sich das Macbook Air, das Macbook Pro und der Mac Mini bloss in Details. Optimisten würden sagen, dass der Formfaktor so perfekt ist, dass es kaum etwas zu verbessern gibt.

Aber ich bin nicht der Ansicht. Zum Beispiel finde ich es begrüssenswert, dass es die Hersteller in der Windows-Welt noch immer schaffen, den Rand ums Display (den Bezel) zu verschmälern. Das bringt uns Nutzern das Gefühl, es mit einem grösseren Gerät zu tun zu haben, selbst wenn die Gehäuseabmessungen gleich bleiben.

Das Touchbar-Drama geht weiter

Die Touchbar. Ursprünglich war ich ein Fan dieses kleinen Touch-Bildschirms bei den Macs. Doch inzwischen frage ich mich, ob sie nicht ein Schicksal wie Force Touch bzw. 3D-Touch verdient hätte – nämlich sang- und klanglos zu verschwinden. Apple hat seit der Lancierung keinerlei Anstrengungen unternommen, sie weiterzuentwickeln und nützlicher zu machen. Es gäbe Potenzial, doch stattdessen wird hauptsächlich Schabernack mit der Tochbar betrieben.

Die Ausstattung. Wie Heise.de hier schreibt, fehlt es den neuen Macs an einigem: Es gibt kein Thunderbolt 4, keine eGPUs mehr und die Geräte sind überhaupt nicht mehr aufrüstbar und vermutlich auch sehr schwer (günstig) zu reparieren. Und in Zeiten von Homeoffice steht auch das quer in der Landschaft:

Apple nutzt sowohl im neuen MacBook Air als im neuen MacBook Pro die alte (und extrem angestaubte) 720p-Webcam, während im iPhone 11 beispielsweise längst als Frontkamera ein Zwölf-Megapixel-Sensor mit 4K-Fähigkeit verwendet wird.

Das Bild der Webcam wird mittels Software aufgebretzelt. Naja.

Die Strategie für die Zukunft. Mit dem neuen Prozessor rücken die Macs näher ans iPhone und iPad heran. Apple stellt seine gesamte Produktpalette auf ein gemeinsames Hardware-Fundament. Die neuen Macs führen auch iPhone- und iPad-Apps aus.

Ich möchte darum wissen, ob die Annäherung weitergehen und irgendwann zu einer Fusion führen wird – oder wie sich die Geräte künftig voneinander abgrenzen werden:

Wie weit wird die iPadifizierung des Mac noch gehen?

Bleibt es dabei, dass die Bedienung per Maus und Tastatur auf der einen und per Touch und Finger auf der anderen Seite der wesentliche Unterschied bleiben wird? Das ist allein deswegen schwer zu glauben, weil auch das iPad inzwischen eine recht brauchbare Maus-Unterstützung hat – und Apple mit der Touchbar die Steuerung per Finger auch beim Mac eingeführt hat (wenngleich in bescheidener Form).

Fazit: Apple hat zwar viele Details zu dem neuen Chip verkündet, aber meines Erachtens die wesentlichen Fragen offen gelassen. Was man mit einem Gerät tun kann, steht und fällt mit der Software. Und darum glaube ich auch nicht, dass «der Super-Chip von Apple ein Angriff auf Windows ist», wie Kollege Lorenz Keller hier behauptet.

Fünfmal schneller als ein Windows-PC? Schön und gut, aber auf dem laufen wenigstens Windows-Apps.

Die Karte mit dem Geschwindigkeitsvorteil hat Apple auch bei der Lancierung der neuen iPad-Pro-Modelle schon öfters gespielt. Aber Tempo allein nützt gar nichts, wenn man keine passende Software und, im Fall von iPad OS nur ein zu eingeschränktes Betriebssystem hat. Wie gut sich die angestammten Mac-Programme auf dem neuen Prozessor schlagen werden, wird Apple in der Praxis noch beweisen müssen. Und für die klassischen Windows-Anwendungen sind auch mittelmässig schnelle Geräte schnell genug.

Abgesehen davon gibt es auch in der Windows-Welt Geräte mit langer Batterielaufzeit. Ich habe das Asus Expertbook B9 getestet, dessen Akku laut Hersteller 24 Stunden durchhält – sodass es dabei bleibt, dass der Prozessor allein keinen Umstieg rechtfertigt, so eindrücklich der auch sein mag.

Kurz zusammengefasst: Der neue Prozessor wäre eine gute Gelegenheit gewesen, einen Blick in die Zukunft des Laptops zu werfen. Wie wird er sich verändern? Oder bleibt er mehr oder weniger so, wie er ist? Dass alles beim Alten bleibt, wäre keine spektakuläre Ansage. Aber sie würde mir persönlich den Entscheid erleichtern, ob ich mein Macbook von 2016 durch ein Apple-Gerät ersetzen soll, oder ob ein Wechsel zu einem Windows-Laptop angezeigt ist. Diese Gelegenheit hat Apple verpasst.

Steve Jobs wäre nicht begeistert

Abschliessend noch ein paar grundsätzliche Worte zu dieser Hardware-Fixierung, die Apple in dem Dienstag-Event an den Tag gelegt hat:

Steve Jobs hat uns seinerzeit beigebracht, dass die Spezifikationen in dieser neuen Ära völlig irrelevant sind. Das iPhone tut, was es tut, auf «magische Weise»: Wie genau und mit welchen technischen Mitteln, darf uns Anwendern herzlich egal sein¹.

Das fand ich damals als erfrischend. Wir Nutzer müssen uns nicht um Prozessoren, Speicherausbau und die Benchmarks kümmern, sondern dürfen uns gewiss sein, dass dieses Wundergerät unsere Bedürfnisse erfüllt. Was für eine Erleichterung im Vergleich der Zeit Ende der Achtziger, wo ich meinen ersten Computer gekauft habe und man mit nichts anderem beschäftigt war als der Frage, wie man die Hardware dazu bringen könnte, mit der Software Schritt zu halten.

Mein damaliger Kollege Roger Zedi beim Tagesanzeiger hat Steve Jobs zu seinem Tod als Humanist der Technologie bezeichnet: «Steve Jobs hat dafür gesorgt, dass die Technologie sich dem Menschen annähert und nicht umgekehrt.» Zedi hat das auf den Punkt gebracht – und dieser Humanismus fehlt mir bei heutigen Apple-Events schmerzhaft.

Fussnote

1. Zugegeben: In der Welt der Desktop-Computer hat die Frage nach den Innereien über die Jahre zwar an Bedeutung verloren, aber ganz obsolet ist sie nie geworden: Noch immer muss man sich ein paar Gedanken bei einer Neuanschaffung machen – wie ich das für die Tipps für das neue Arbeitsgerät (Paywall) getan habe.

Beitragsbilder: Screenshots aus dem Stream des Apple-Events.

1 Kommentar

Kommentieren

Kommentar verfassen