Wenn Kampf-Game-Hersteller Angriffslust entwickeln: Epic gegen Apple

Der zweite Teil des Rückblicks der Woche 34: Der Konflikt zwischen Apple und Epic – und mit welchen Reformen Apple und Google ihre Stores zukunftstauglich machen könnten.

Das Battle Royale zwischen Epic Games und Apple! Ich verfolge es mit einigem Interesse: Ich bin zwar nicht direkt betroffen, weil mich Fortnite – ein bei Teenagern beliebtes Kampf- und Überlebensspiel – bislang kaltgelassen hat.

Aber mir gefällt, dass Epic offensichtlich nicht nur Kampfspiele fabriziert, sondern auch im richtigen Leben Konfrontationen nicht scheut. Eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse (eine längere Variante gibt es bei Wikipedia):

Am 13. August 2020 hat der Softwarehersteller ein «Fortnite» veröffentlicht, das die Spielwährung «V-Bucks» um zwanzig Prozent günstiger anbietet, wenn man sie bei der iPhone- und iPad-Version nicht als In-App-Kauf über Apples Schnittstelle, sondern direkt bei Epic erwirbt. Begründet wird dieser Rabatt damit, dass bei den Transaktionen über Apples Zahlschnittstelle eine Kommission von dreissig Prozent geleistet werden muss, die beim Direktverkauf wegfällt.

Für Verkäufe in Apps ist Apples Schnittstelle zwingend

Da ein solcher Hinweis gemäss Store-Bestimmungen nicht gestattet ist, hat Apple so reagiert, wie es zu erwarten war: Die App wurde innert weniger Stunden aus dem Store entfernt. Google hat sogleich nachgezogen.

Auf diesen Schritt war der Game-Entwickler aber offensichtlich gut vorbereitet. Das Unternehmen hat sogleich in Kalifornien Klagen wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens gegen Apple und Google eingereicht. Die Klageschrift scheint ihrerseits episch und eine vergnügliche Lektüre zu sein.

Epic hat ausserdem das Video «Nineteen Eighty-Fortnite» veröffentlicht, das Apples legendären Werbespot «1984» gegen IBM parodiert – aber mit Tim Cook als Bösewicht.

Seitdem ist die Sache weiter eskaliert: Am 17. August hat Apple dem Kontrahenten gedroht, ihn gänzlich vor die Tür zu setzen. Wenn Epic bis zum 28. August die Rabattaktion nicht beendet, werde man den Zugang zum Developer Programm streichen. Das könnte einen weiteren Kollateralschaden nach sich ziehen, weil Epic auch die Unreal Engine bereitstellt, die in vielen Drittprodukten steckt.

Der Gamehersteller hat deswegen eine einstweilige Verfügung gegen diesen Hinauswurf angestrengt.

Eine Öffnung ist überfällig

Es ist anzunehmen, dass sich die Auseinandersetzung vor Gericht hinziehen wird. Aber wie auch immer sie ausgehen wird: Ich bin überzeugt davon, dass er ein wichtiger Meilenstein zu einer überfälligen Öffnung ist.

Apple wird sich einer Reform seines Stores auf Dauer nicht entziehen können. Denn zwölf Jahre nach der Einführung ist der Store kein kleines Experiment mehr, sondern ein Schlüssel für die Weltwirtschaft – denn wer das nicht glaubt, soll sich ausmalen, wie unser Alltag aussehen würde, wenn die gesamte Weltbevölkerung plötzlich keine Apps und keine Updates mehr herunterladen könnten.

Erst wären die Auswirkungen zu verkraften, doch mit der Zeit würden immer mehr Unternehmen feststellen, wie wesentlich das Smartphone bei ihrer Geschäftstätigkeit über die letzten Jahre geworden ist. Spätestens, wenn sich die Mitarbeiter an ihren Computern nicht mehr anmelden können, weil die Zwei-Faktor-Authentifizierung via Handy nicht mehr funktioniert, wäre eine Schmerzgrenze erreicht.

Und ja, vielleicht würde die Sache anders aussehen, wenn Microsoft mit seiner mobilen Plattform nicht gescheitert wäre. Aber da das (zu meinem Bedauern) passiert ist, haben wir quasi ein Duopol mit Apple und Google (auch wenn es in der Android-Welt alternative Stores und via Sideloading die Möglichkeit der Direktinstallation gibt).

Andere Konflikte schwelen

Es ist offensichtlich, dass die strenge Kontrolle Apples die Innovation behindert und die Regeln auch nicht im Interesse der Nutzer sind. Dazu einige Beispiele:

Der Zwist mit Spotify: Der schwedische Streaminganbieter ist durch die 30-Prozent-Abgabe gegenüber Apple Music offensichtlich benachteiligt (siehe Apple, der moderne Wegelagerer?).

Keine Ahnung, ob der Posteingang bei Hey tatsächlich «Imbox» (sic!) heisst.

Mail-App Hey: Auch gegenüber dem Mailanbieter Basecamp hat Apple den starken Mann markiert: Auch er muss Apples Bezahlschnittstelle in seine Mail-App Hey integrieren und den Konzern mit dreissig Prozent beteiligen, um die App im Store zu halten. Das hat Mitbegründer und Technik-Chef David Heinemeier Hansson abgelehnt. Und es ist einleuchtend, dass viele Geschäftsmodelle einfach nicht funktionieren, wenn auf eine knappe Kalkulation eine unumgängliche Abgabe von 30 Prozent nur für die Präsenz in den Stores notwendig ist.

Der Hey-Fall ist ausführlich bei «The Verge» dokumentiert – inklusive des Kommentars von David Heinemeier Hansson, der die verantwortlichen Apple-Mitarbeiter «Gangster» genannt hat.

Apple legt Facebook lahm. 2019 hat Apple die internen Apps von Facebook blockiert, sodass Mitarbeiter kein Shuttle für den Transport auf dem Campus bestellen und nicht mehr nachsehen konnten, was es in der Cafeteria zu essen gibt. Das war ein (berechtigter) Warnschuss gewesen, weil Facebook unberlaubterweise Informationen über die auf den Nutzergeräten installierten Apps gesammelt hatte.

Ausnahmen für die Grossen: Störend ist auch, dass Apple die Regeln bei den kleinen Anbietern kompromisslos durchsetzt, mit den grossen der Branche aber Deals eingeht. Ein Beispiel dafür ist Amazon: Prime-Kunden dürfen Videos in der iOS-App mieten und kaufen. Auch in der Audible-App kann man nun Credits für Bücher einsetzen.

Die Stores der Zukunft

Wie könnte eine Reform des Stores aussehen? Ich kann mir folgende Massnahmen vorstellen, die einzeln oder in Kombination eingeführt werden könnten:

  • Eine signifikante Reduktion der Kommission von 30 Prozent auf zum Beispiel drei Prozent.
  • Alternative Stores und Sideloading, analog zum Mac-App-Store: Wer mag, und gewillt ist, die höheren Sicherheitsrisikos einzugehen, darf Apps aus alternativen Quellen beziehen oder ohne Store direkt installieren.
  • Zusätzliche Bezahlschnittstellen, die für In-App-Käufe benutzt werden dürfen. Das würde eine Konkurrenzsituation und einen Kostendruck schaffen, der für Kunden und Hersteller Vorteile brächte.
  • Eine Ombudsstelle, die Konflikte schlichtet und in der nicht nur Apple, sondern auch Vertreter der Softwarehersteller Einsitz haben.
  • Eine Ausgliederung des Stores in eine unabhängige Organisation, an der Apple beteiligt ist, in der aber auch die Hersteller ihre Vertreter entsenden dürfen und in der Konsumentenschützer mitzureden haben.

Meines Erachtens wäre die letzte Massnahme die wirkungsvollste. Sie würde auch den unzweifelhaften Vorteilen des App-Stores Rechnung tragen: Nämlich die hohe Sicherheit, die dank Apples rigider Kontrolle gewährleistet werden kann.

Bedauerlich ist, dass Apple bislang keine Anzeichen von Kompromissbereitschaft hat erkennen lassen. Es sind die Softwareentwickler, die mit ihren Apps den Erfolg des Stores mitverantworten – und sie haben berechtigte Anliegen.

Und zweitens macht dieses Verhalten keinen guten Eindruck, wo Apple zusammen mit Facebook und Amazon zum Gegenstand einer Untersuchung des US-Kongresses geworden ist, bei der es um die Marktmacht der Online-Plattformen geht.

Je nachdem, wie die US-Wahlen im Oktober ausgehen, könnte eine Zerschlagung der Konzerne ernsthaft zur Debatte stehen. Und es ist in der Tat anzunehmen, dass eine Aufteilung von Apple in eine Hard-, Software- und Dienstesparte auch das Store-Problem lösen oder entschärfen würde.

Beitragsbild: Tim Cook, der sich gegen die Angriffe auf seine App-Store-Profite wehrt (Symbild; Lance Pillay, Pexels-Lizenz).

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