#JeSuisMohrenkopf: Der guteidgenössische Social-Media-Kladderadatsch der Woche

Der Rückblick der Woche 24 heute monothematisch: Warum manche Leute sich von einem kolonial-rassistisch vorbelasteten Wort nicht trennen mögen.

Das grosse Thema diese Woche hierzulande war die Mohrenkopf-Affäre, zumindest in den sozialen Medien und in den Kommentarspalten. Für die Leserinnen und Leser, die sie nicht verfolgt haben, erst eine kleine Zusammenfassung:

Der Detailhändler Migros verkaufte in einigen Filialen Mohrenköpfe. Diese Süssspeise heisst vielerorts inzwischen Schokokuss, oder etwas in der Art. Eine Twitter-Nutzerin mit dem Pseudonym MereSirrTeh ging daraufhin die Migros relativ hart an. Die hat entschieden, das Produkt aus dem Sortiment zu nehmen.

Und nun ist der Kladderadatsch angerichtet. Die einen sehen sich als Geknechtete in einer Diktatur, wo man ihnen die Freiheit verwehrt, sich genüsslich einen Mohrenkopf in den Rachen zu schieben. Die anderen versuchen zu erklären, dass man so viele Mohrenköpfe essen darf, wie man will – dass man sich bloss einen neuen Namen zu merken bräuchte.

Produziert werden die Mohrenköpfe in einem KMU im aargauischen Waltenswil. Der Chef dort, Robert Dubler, inszeniert sich als eine Art Freiheitskämpfer – was vielleicht nicht sonderlich weltoffen, aber zumindest geschicktes Marketing ist. Vor dem Fabrikladen würden sich nun riesige Schlangen bilden, liest man bei der Gratiszeitung.

Diese Debatte ist in gewisser Weise die eidgenössische Variante der George-Floyd-Proteste: Wir haben keine Konföderierten-Denkmäler, die wir von den Sockeln reissen könnten – da muss wenigstens ein Symbol aus der Konfiseur-Abteilung dran glauben.

Und das ist auch gut so: Der Rassismus ist hierzulande nicht so offenkundig und mörderisch wie in den USA. Aber es gibt ihn – und er ist oft unter einer appetitlichen Zuckerglasur versteckt. Zum Beispiel, indem man ihn als Freiheitskampf verkauft – weil man sich nicht verbieten lassen will, was man sagen und denken darf. Und weil es Tradition ist, hueresiech namal.

Das ist allerdings ein Strohmann-Argument: Ich glaube nicht, dass es irgend jemand gibt, der ins Strafgesetzbuch schreiben möchte, dass eine Busse verhängt werden muss, wenn einem das fragliche Wort durch den Kopf gehen sollte. Und man hat nicht mit Gefängnis zu rechnen, wenn man es laut ausspricht. Robert Dubler darf seine Mohrenköpfe auch die nächsten Hundert Jahre produzieren. Wenn es denn so lange eine Kundschaft dafür gibt.

Das Argument für eine Umbenennung ist simpel. Es ist ein kleines Zeichen, dass wir verstanden haben: Das Wort ist für Menschen mit schwarzer Hautfarbe schmerzhaft. Watson lässt dazu eine eindrückliche Stimme zu Wort kommen:

Als Kind hat mir das Wort «Mohrenkopf» immer einen Stich versetzt. (…) Es ist nämlich nicht so, als ob es nur das wäre. Es ist die Summe an Diskriminierungen, die einem permanent das Gefühl geben, weniger wert zu sein. Etwa das Spiel «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?», das Lied «Zehn kleine Negerlein» und so weiter und so fort.

Das Spiel «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?» habe ich mit meinen Schulkameraden in der Grundschule noch gespielt. Heute spielen die Schülerinnen und Schüler andere Spiele – meinetwegen «Wer hat Schiss vor Donald Trump?». Und wir haben deswegen weder unsere Kultur verloren noch das Abendland verraten.

Anderes Beispiel: Wir adressieren heute Briefe an unverheiratete Frauen auch nicht mehr mit 𝔉𝔯𝔞̈𝔲𝔩𝔢𝔦𝔫, so wie unsere Eltern und Grosseltern das getan haben. Ist deswegen das Postsystem implodiert? Nein.

Ich verstehe den Unmut über die Political Correctness zu einem gewissen Grad. Ich habe mich ursprünglich auch gegen das Sprachdiktat gesträubt und bin irgendwann zum Schluss gekommen, dass ich das nicht aus Überzeugung tue, sondern nur aus geistiger Inflexibilität. Mein Blogging-Kollege Reda El Arbi, der auch einen Post zum Thema verfasst hat, brachte es auf Facebook auf den Punkt:

Vor einigen Jahren meinte ich bei dieser Diskussion, das gehe nun aber schon zu weit. Schliesslich nennt man die schon immer «Mohrenköpfe». Und meine Generation wird sich sowieso nicht umgewöhnen.

Wisst ihr was? Ich lag falsch. Es kostet uns nichts, wenn wir das Teil nicht mehr rassistisch benennen.

Zwei weitere häufig gelesene Gegenargumente:

  1. Das Wort ist gar nicht rassistisch, wie ein Blick in die Etymologie beweist.
  2. Wir werden den Rassismus durch diese Geste nicht abschaffen.

Mit dem ersten Argument würde man allerdings auch Fotze rehabilitieren, weil das, wie bei Wikipedia nachzulesen ist, ursprünglich einfach eine Eindeutschung des lateinischen Worts Vulva war. Abgesehen davon ist die prominenteste Variante – jene des Bärstädter Pfarrers Eberhard Geisler, der das Wort auf den Heiligen Mauritius zurückführtoffenbar falsch.

Und ja, das zweite Argument stimmt. Aber verzichten wir auf Verkehrsregeln, nur weil die nicht sämtliche Strassentote verhindern?

Und natürlich: Da gibt es auch eine ganz Methode, sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen: Man macht sich einfach über die Sache lustig und erklärt sie zum Empörungstheater. Diese Schiene fährt Stefan Millius in der «Die Ostschweiz», wo er die Mohrenköpfe in einen Topf mit den Demos fürs Klima und gegen Corona wirft. Dabei sind selbst die Verfechter des «Das wird man wohl noch sagen dürfen!»-Standpunkts wegen dieser Affäre meines Wissens noch nicht auf die Strasse gegangen.

Eine Variante dieser Methode gibt es bei Ronnie Grob und dem «Schweizer Monat». Dort nennt sich das «Moralismus»: Anderes Wort, aber gleiches Totschlagargument. Eine gute Replik darauf liefert ein Mann, mit dem ich auch längst nicht immer einverstanden bin, nämlich Philippe Wampfler im Post «Moralismus» – was ist das?:

Sie benutzen die «Moralismus»-Metaebene, um bestimmte Forderungen zu diskreditieren, zu stigmatisieren, sie abzulehnen – ohne sich direkt mit den Argumenten auseinandersetzen zu müssen.

PS, zum Titel: Den Hashtag #JeSuisMohrenkopf gibt es auf Twitter tatsächlich ein paar Mal. Meistens ironisch – aber, man mag es kaum glauben, hier sogar ernst gemeint:

Beitragsbild: Es sei hier unmissverständlich festgehalten. Diese Schokoküsse hier stammen nicht von Robert Dubler, sondern, laut Bildlegende, von Deichmann (Bru-nO, Pexels-Lizenz).

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